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Unser Positionspapier - Ursachen von Armut, (Binnen-)Klassismus und Solidarität

Die fragmentierte arbeitende Klasse und Binnenklassismus – Über Spaltung, Habitus und die Möglichkeit von Solidarität

Dr. Verena Mayer

 

Der von Nicole Mayer-Ahuja in Klassengesellschaft akut (2021) entwickelte Ansatz der „fragmentierten Arbeiterklasse“ stellt einen wichtigen Beitrag zur gegenwärtigen Klassendebatte dar. Im Unterschied zu enger gefassten Klassendefinitionen, die primär zwischen der arbeitenden Klasse, Mittelklasse und Elite unterscheiden, geht Mayer-Ahuja von einem erweiterten Verständnis aus: Zur arbeitenden Klasse zählen alle Personen, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, also lohnabhängig sind. Damit umfasst diese Klasse sowohl Menschen, die aktuell nicht erwerbstätig sind, prekär Beschäftigte, klassische Industriearbeiter*innen aber auch Angestellte und Teile der sogenannten „Mittelschicht“, solange sie nicht über Produktionsmittel verfügen oder maßgeblich von Kapitalerträgen leben (vgl. Mayer-Ahuja 2021).

 

Zentral ist dabei die Diagnose, dass die arbeitende Klasse nicht homogen, sondern strukturell fragmentiert ist. Unterschiedliche Beschäftigungsformen (befristet vs. unbefristet, Vollzeit vs. Teilzeit), Einkommensniveaus, Qualifikationen und soziale Sicherheiten führen zu einer inneren Differenzierung. Diese Unterschiede sind jedoch keine Hinweise auf getrennte Klassen, sondern Ausdruck von Ungleichheiten innerhalb einer gemeinsamen Klassenlage (vgl. auch Dörre et al. 2012 zur Prekarisierung).

 

Aus dieser Perspektive ergibt sich ein politisch bedeutsamer Gedanke: Trotz aller Unterschiede teilen Lohnabhängige grundlegende materielle Interessen. Dazu zählen etwa:

 

- steigende Löhne bzw. ein höherer Mindestlohn

- sichere und planbare Arbeitsverhältnisse

- bezahlbarer Wohnraum

- eine armutsfeste Rente und soziale Absicherung

 

Diese Interessen lassen sich beispielsweise daran illustrieren, dass sowohl eine Pflegekraft im Niedriglohnbereich als auch ein gut verdienender Angestellter im IT-Sektor von steigenden Mieten betroffen sein können oder beide auf funktionierende soziale Sicherungssysteme angewiesen sind. Die Unterschiede im Einkommen verändern die Betroffenheit, heben aber die strukturelle Gemeinsamkeit der Lohnabhängigkeit nicht auf.

 

Dennoch kommt es innerhalb dieser fragmentierten arbeitenden Klasse häufig zu Abwertungen und Abgrenzungen. Hier lässt sich der Begriff des Binnenklassismus definieren:

 

Binnenklassismus bezeichnet die Abwertung, Stigmatisierung oder Ausgrenzung von Personen oder Gruppen innerhalb derselben sozialen Klasse entlang von Statusunterschieden, etwa hinsichtlich Einkommen, Bildung, Erwerbsstatus oder Lebensstil.

 

Typische Beispiele sind:

 

- abwertende Diskurse über Erwerbslose („die wollen nicht arbeiten“) (vgl. Lessenich 2019)

- Distanzierungen von prekär Beschäftigten durch besser gestellte Angestellte („Ich habe mir das selbst erarbeitet“)

- moralische Bewertungen von Armut („selbst schuld“, „falsche Lebensführung“) (vgl. Butterwegge 2020)

 

Diese Formen der Abwertung stabilisieren bestehende Ungleichheiten, weil sie Solidarität untergraben und gemeinsame Interessen verdecken.

 

Zur Erklärung dieser Dynamiken lassen sich theoretische Überlegungen von Pierre Bourdieu und Herbert Marcuse heranziehen. Bourdieu zeigt in Die feinen Unterschiede (1979), dass soziale Gruppen über ihren Habitus und ihren Geschmack symbolische Grenzen ziehen. Gerade mittlere soziale Lagen sind häufig bemüht, sich nach unten abzugrenzen, um ihren Status zu stabilisieren. Dies geschieht etwa durch Konsumpraktiken (Bio-Lebensmittel, kulturelle Aktivitäten), Sprachstile oder Bildungsabschlüsse. Ein Angestellter mit Hochschulabschluss grenzt sich beispielsweise von „einfacher Arbeit“ ab, obwohl beide lohnabhängig sind (vgl. Bourdieu 1979).

 

Marcuse argumentiert in Der eindimensionale Mensch (1964), dass fortgeschrittene kapitalistische Gesellschaften Integrationsmechanismen hervorbringen, die potenziell oppositionelle Gruppen einbinden. Durch Konsumangebote, Aufstiegschancen und relative materielle Sicherheit entsteht eine Identifikation mit bestehenden Verhältnissen. Teile der Arbeiterklasse – insbesondere besser gestellte Segmente – entwickeln dadurch das Gefühl, eher zur „Mitte“ oder sogar zur gesellschaftlichen Elite zu gehören. Diese subjektive Aufstiegsorientierung führt dazu, dass Kritik weniger nach oben (gegen Kapitalinteressen), sondern nach unten gerichtet wird (vgl. Marcuse 1964).

 

Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die politische Debatte um Sozialleistungen: Während strukturelle Probleme wie niedrige Löhne oder steigende Lebenshaltungskosten alle Lohnabhängigen betreffen, verschiebt sich der Fokus häufig auf vermeintlichen „Missbrauch“ durch Leistungsbeziehende. Diese Verschiebung lenkt von gemeinsamen Interessen ab und verstärkt binnenklassistische Spaltungen (vgl. Lessenich 2019).

 

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Der Ansatz der fragmentierten arbeitenden Klasse ermöglicht es, gesellschaftliche Konflikte neu zu denken – nicht primär als Gegensatz strikt getrennter Klassen, sondern als Spannungen innerhalb einer gemeinsamen, jedoch ungleich strukturierten Klasse von Lohnabhängigen. Binnenklassismus fungiert dabei als Mechanismus, der diese Fragmentierung stabilisiert, indem er Solidarität erschwert und symbolische Grenzen reproduziert. Eine zentrale Herausforderung besteht daher darin, die gemeinsamen materiellen Interessen stärker in den Vordergrund zu rücken und Spaltungen innerhalb der Klasse kritisch zu reflektieren.

 

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Literatur (Auswahl):

 

- Bourdieu, Pierre (1979): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

- Butterwegge, Christoph (2020): Armut in einem reichen Land. Frankfurt a. M.: Campus.

- Dörre, Klaus / Kraemer, Klaus / Speidel, Frederic (2012): Prekäre Arbeit. Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen. Frankfurt a. M.: Campus.

- Lessenich, Stephan (2019): Grenzen der Demokratie. Teilhabe als Verteilungsproblem. Stuttgart: Reclam.

- Marcuse, Herbert (1964): Der eindimensionale Mensch. Neuwied: Luchterhand.

- Mayer-Ahuja, Nicole (2021): Klassengesellschaft akut. Berlin: Suhrkamp.